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Ganz Hermannstadt an der Bier- und Weißwurst-Front
Die Bayerischen Kulturtage haben eingeschlagen, alle Veranstaltungen sind gut besucht
Leberkäs, Schweinshaxe, Weißwurst, Brezeln, Bier. Wer neugierig auf bayerische Spezialitäten ist oder sie gerne mag, muß sich beeilen: Nur noch bis morgen abend ist das Bierzelt auf dem Großen Ring geöffnet, so lange noch, wie die Bayerischen Kulturtage in Hermannstadt dauern. Bayern und Bier, das paßt. Aber Bier und Kultur? Paßt auch. Und der das behauptete, muß es wissen: Erstens ist er Bayer, und zweitens ist er der Kulturminister aller Bayern: Hans Zehetmair. Er eröffnete die Bayerischen Kulturtage am vorigen Freitag dort, wo sich das gehört: im Brukenthalmuseum.
Nach den obligaten Reden konnte in einem Teil der barocken Räumlichkeiten, die der Baron von Brukenthal für seine Bildersammlung reserviert hatte, eine Ausstellung zeitgenössischer bayerischer Kunst besichtigt werden. Klaus von Gaffron, der Vorsitzende der Sektion Bayern des Berufsverbands der bildenden Künstler, hatte acht Künstler ausgewählt, die ihre Arbeiten - unterschiedlichster Prägung: von der Zeichnung, Malerei und Fotografie über die Bildhauerei zur Rauminszenierung - in Hermannstadt zeigen durften. Im ersten Raum wurde man begrüßt von den vier Löwenköpfen der Quadriga des Siegestores in München, doch nicht von den bronzenen Originalen, sondern von ihrer Nachformung in dem vergänglichen Material Papier. Den Ewigkeitsanspruch der Vorlage führt die Zeitlichkeit der Kopie ad absurdum.
Die in großer Zahl erschienenen Ausstellungsgäste tranken im Stehen noch einen weißen "Würzburger Stein" oder einen rumänischen Roten, ehe sie sich vor das Haus und auf den Großen Ring zur Eröffnung des dort aufgestellten original bayerischen Bierzelts begaben, wo Minister Zehetmair das erste Faß "ozapfte". Dort gab es original bayerische Schweinshaxe, original bayerischen Leberkäs, original bayerische Weißwurst mit original bayerischem Sauerkraut und original bayerischem Knödel - alles von rumänischen Fleischern geliefert oder aus rumänischen Zutaten in der Küche des Hotels "Continental" unter Aufsicht eines bayerischen Kochs hergestellt und landestypisch gewürzt. Dazu trank man original bayerisches Bier, nach Belieben hell oder dunkel, vom St. Georgen Bräu - hergestellt im rumänischen Sankt Georgen: in Sfântu Gheorghe/Sepsiszentgyörgy im Seklerland. Der Hermannstädter Bürgermeister Klaus Johannis und noch einige andere der geladenen Gäste, darunter Bischof Christoph Klein, mußten tief ins Glas blicken: Ihnen hatte man je eine bayerische "Maß" von einem Liter Inhalt in die Hand gedrückt.
Das Bierzelt ist 25 mal 25 Meter groß, hat ein Fassungsvermögen von 700 Personen und übt eine enorme Faszination auf die Hermannstädter aus. Es ist seit seiner Eröffnung zu jeder Tageszeit gut besetzt, von 12 Uhr mittags bis zum Zapfenstreich um 23 Uhr. Das mag nicht nur am Bier und am guten Essen liegen, sondern auch an der flotten Musik, für die die zehn Mann/Frau starke "Blaskapelle Petershausen 1925" sorgt. Ganz Hermannstadt an der Weißwurst-Front? Offenbar ja. (Übrigens: Das Wort "Zapfenstreich" rührt daher, daß in den Heerlagern zu einer bestimmten Abendstunde auf ein Trommelzeichen hin die Marketender den Zapfen ihres Fasses "streichen", d. h. einschlagen mußten.)
Bayern wurde in diesen Tagen dargestellt - und stellt sich dar - als ein Land der Tradition. Man merkt das an der deftigen Hausmannskost im Bierzelt. Oder wenn man sich vor Augen führt, daß Bayern eisern an seinem Bier-Reinheitsgebot vom Jahr 1516 festhält, wonach man Bier nur aus Malz, Hopfen und Wasser brauen darf, und das andere Bundesländer längst aufgegeben haben.
Bayern ist aber auch ein Hightech-Land, wie man im Programmheft der Kulturtage nachlesen kann: Jeder zweite in der Industrie beschäftigte Bayer arbeitet in einer zukunftsorientierten Branche: der Elektronik- und Computerindustrie, der Chemie, dem Maschinen- und Fahrzeugbau - wer kennt nicht BMW? -, der Feinmechanik und Optik, der Luft- und Raumfahrttechnik. Davon war denn auch am Tag der bayerischen Wirtschaft am Mittwoch die Rede.
Bayern ist auch - nicht wahr? - das Land der Schlösser (Ludwigs II. Zuckerbäckerschloß Neuschwanstein zieht alljährlich zehntausende Touristen an), das Land der Museen, Theater und Orchester. Und Bayerns Hauptstadt München ist Deutschlands Filmmetropole: 380 Produktionsgesellschaften, 50 Filmverleih- und -vertriebsgesellschaften und 40 Fernsehbetriebe sind hier angesiedelt. Einen Einblick in die bayerische Filmszene bot die ebenfalls am vorigen Freitag abend im Pacea-Kino vom bayerischen Kulturminister Hans Zehetmaier und seinem gerade noch rechtzeitig vom rumänischen Nationentag auf der Weltausstellung in Hannover herbeigeflogenen rumänischen Kollegen, dem Theater- und Filmschauspieler Ion Caramitru, eröffnete Filmwoche.
Zu sehen gab es unter anderem eine auf einer literarischen Vorlage von Hans Magnus Enzensberger fußende Verfilmung der Liebesbeziehung des romantischen Dichters Clemens Brentano zu Auguste Bußmann ("Requiem für eine romantische Frau", die Regisseurin Dagmar Knöpfel war bei der Vorführung anwesend) oder die poetische, fast ohne Worte auskommende Geschichte eines Kindes taubstummer Eltern ("Jenseits der Stille"). Heute und morgen gibt es im Pacea-Kino noch zwei weitere Filme aus bayerischer Produktion zu sehen.
Kunst, Bier, Film - damit begannen zwar die Bayerischen Kulturtage, aber die eigentliche, die offizielle Eröffnung fand am Samstag abend statt. Es spielten im Armeehaus das Hermannstädter Philharmonische Orchester und der den Hermannstädtern spätestens seit den hier stattfindenden Carl-Filtsch-Wettbewerben bekannte 24jährige Pianist Leonhard Westermayr (er interpretierte virtuos Beethovens Klavierkonzert Nr. 5), und es hielten Ansprachen die beiden Minister Caramitru und Zehetmair. Sie erinnerten unter anderem an die Rumänischen Kulturtage in München vor einem Jahr, und der bayerische Minister versprach, zur Restaurierung von Baudenkmälern in Hermannstadt durch baldmöglichste Entsendung von Denkmalexperten (im Oktober) beitragen zu wollen. Danach gab es einen Empfang im Hotel "Continental".
Bayern hat sich in dieser Woche auf die unterschiedlichste Weise vorgestellt: das Land und seine Leute in einer Fotoausstellung im Haus des Kulturinspektorates in der Tribunei-Gasse (ehemals Arta-Kino, ehemals Bancorex), die Verlagsproduktion in einer Buchausstellung in der ASTRA-Bibliothek (darunter allein 40 neuere Titel des Südostdeutschen Kulturwerks), die zeitgenössische Kunst im Brukenthalmuseum (siehe oben), das literarische Schaffen ausschnittweise durch eine Lesung von vier Autoren (am Montag), die Volkstracht - durch Gegenüberstellung und Vergleich mit siebenbürgischen Trachten - in einer Ausstellung von Irmgard Sedler ("Lederhosen & Bockelhauben") im Franz-Binder-Museum, seine Musik durch die Auftritte mehrerer Musikgruppen: Eichhofner Dorfmusik, Fraunhofer Saitenmusik, Landes-Jugendjazzorchester.
Doch ein Kapitel bilateraler Beziehungen für sich sind die "Bayern in Siebenbürgen - Siebenbürger in Bayern". Ausgehend von einem ähnlich benannten Buch des kürzlich verstorbenen siebenbürgisch-bayerischen Verlegers und Publizisten Hans Meschendörfer ("Münchner in Siebenbürgen, Siebenbürger in München") hat die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland zusammen mit der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung München und dem Siebenbürgischen Museum Gundelsheim unter diesem Titel eine Fotoausstellung in der Lucian-Blaga-Universität eingerichtet. Darin kommt unter anderem der siebenbürgische "Raketenvater" Hermann Oberth vor, ebenso Oskar von Miller, der "Vater" des Deutschen (Technik-)Museums in München, der um die Jahrhundertwende zusammen mit dem Siebenbürger Carl Wolff das Wasserkraftwerk am Zoodt und die Einführung des elektrischen Stroms in Hermannstadt geplant hatte, und die Münchener Architekten Hocheder und Heckner mit ihren Hermannstädter Bauten, aber auch - unter "Varia" - der siebenbürgische "Naturapostel" und Hermann-Hesse-Bekannte Gusto Gräser.
Einen "siebenbürgisch-bayerischen" Künstler konnte man am Sonntag im Brukenthalmuseum in natura erleben: den Maler Heinz Schunn. Er stellt - übrigens zum ersten Mal - in seinem Geburtsland aus, und zwar Farbholzschnitte und Materialdrucke. Den 1923 in Bistritz geborenen und seit dem letzten Krieg in Deutschland lebenden Künstler stellte bei der Ausstellungseröffnung der gleichaltrige Prof. Dr. Paul Philippi vor, welcher Schunns Spielgefährte und Schulfreund in der Kindheit und Jugend in Kronstadt und später Leidensgenosse in der Kriegsgefangenschaft gewesen ist. (Horst Weber)
Hermannstädter Zeitung Nr. 1694/15. September 2000
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